Aus dem Therapiealltag

„Ich habe das schon mit ChatGPT besprochen …“

Warum künstliche Intelligenz Einsamkeit lindern kann – und warum sie sie manchmal auch verstärkt

Immer öfter höre ich in meiner Praxis einen Satz, der noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: „Ich habe das Thema schon mit ChatGPT besprochen und ein paar Tipps bekommen …“

Meistens folgt darauf ein kurzes Zögern. Fast so, als würde die Person erwarten, dass ich das belächle oder für problematisch halte. Tue ich nicht. Ich finde es nachvollziehbar – und möchte in diesem Beitrag erklären, warum ich trotzdem genau hinschaue, wenn dieser Satz in meiner Praxis auftaucht.

Der nachvollziehbare erste Schritt

Wenn Beziehungen kompliziert werden oder sich dieses leise, schwer greifbare Gefühl von Einsamkeit breitmacht, suchen wir nach Orientierung. Ein Chatbot ist rund um die Uhr verfügbar, urteilt nicht, antwortet sofort und strukturiert. Für viele Menschen ist das die erste Hürde, die sie überhaupt nehmen: sich einem – wenn auch künstlichen – Gegenüber mit ihrem Problem zu zeigen.

Als Werkzeug kann das durchaus hilfreich sein. Eine KI kann helfen, das eigene Gedankenchaos zu ordnen, Begriffe zu verstehen oder die eigenen Fragen erst einmal in Worte zu fassen, bevor man sie einem echten Menschen anvertraut. Das nehme ich meinen Klientinnen und Klienten nicht übel – im Gegenteil, manchmal ist es sogar ein guter Zwischenschritt.

Wo es heikel wird

Was mich als Psychotherapeutin aufmerksam macht, ist nicht der erste Kontakt mit der KI, sondern das, was danach passiert.

Im ersten Moment fühlt es sich nämlich gut an: Man wird „verstanden“, bekommt Antworten, die Einsamkeit scheint für einen Augenblick zu weichen. Genau das macht diese Tools so attraktiv – sie liefern schnelle, spürbare Erleichterung.

Doch je öfter man zurückkehrt, desto mehr fehlt etwas Entscheidendes: das kritische Gegenüber. Eine KI widerspricht selten. Sie stellt selten unbequeme Fragen. Sie bestätigt – sie fordert nicht heraus. Und genau darin liegt die Falle: Aus einer kurzen Erleichterung kann so genau das Gegenteil entstehen. Statt sich wieder echten, manchmal unbequemen Beziehungen zuzuwenden, zieht man sich noch weiter zurück – in einen Austausch, der zwar Trost spendet, aber keine Reibung kennt.

Und Reibung, so unbequem sie klingen mag, ist ein wesentlicher Teil davon, wie wir wachsen, wie wir uns selbst besser verstehen und wie echte Beziehungen sich vertiefen.

Warum Einsamkeit nicht durch Informationen heilt

Ein Satz, der mir in diesem Zusammenhang wichtig ist: Einsamkeit entsteht nicht durch Mangel an Information, sondern durch Mangel an echter Verbindung.

Ein Algorithmus kann Muster berechnen, aus unzähligen Texten die statistisch wahrscheinlichste, hilfreich klingende Antwort formulieren. Was er nicht kann: das Zittern in einer Stimme wahrnehmen. Das zögerliche Lächeln sehen, das mehr sagt als jeder Satz. Stille mit jemandem gemeinsam aushalten, ohne sie sofort mit einer Antwort zu füllen.

Genau das aber ist es, was in der therapeutischen Arbeit – und in echten Beziehungen generell – heilsam wirkt: gesehen zu werden. Nicht analysiert, nicht kategorisiert, nicht mit dem passenden Tipp versorgt, sondern wahrgenommen, mit allen Ecken und Kanten, so wie man gerade ist.

Was das für den Yellow September bedeutet

Der September steht unter dem Zeichen der Suizidprävention, in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt Einsamkeit. Und ich glaube, dieses Thema gehört genau in diesen Zusammenhang.

Einsamkeit ist heute oft unsichtbarer als früher – nicht, weil es weniger „Kontaktmöglichkeiten“ gibt, sondern weil viele dieser Möglichkeiten Verbindung nur simulieren, ohne sie tatsächlich herzustellen. Ein Chat mit einer KI kann sich in einem einsamen Moment wie Gesellschaft anfühlen. Aber Gesellschaft ist nicht dasselbe wie Verbundenheit. Und genau dieser feine, aber entscheidende Unterschied verdient mehr Aufmerksamkeit, als er derzeit bekommt.

Ein Werkzeug, kein Ersatz

Ich möchte an dieser Stelle nicht pauschal vor KI warnen – das wäre weder ehrlich noch hilfreich. Als erster Impuls, als Ordnungshilfe für die eigenen Gedanken, kann sie einen wertvollen Platz haben. Die Grenze verläuft dort, wo sie beginnt, echte Begegnung zu ersetzen statt zu ihr hinzuführen.

Wenn Sie sich in diesem Beitrag wiedererkennen – wenn Sie merken, dass Sie sich in letzter Zeit öfter einem Chatbot anvertrauen als den Menschen um Sie herum – dann ist das kein Grund zur Scham. Es ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass ein Gespräch mit einem echten Gegenüber gerade jetzt der nächste, mutigere und heilsamere Schritt wäre.

Carmen

Hinter der Praxistür

Was eine liegengebliebene Socke über unsere tiefsten Sehnsüchte verrät – Einblick in den Therapiealltag.

„Wir streiten uns nur noch wegen Kleinigkeiten. Letzte Woche ist die Situation wegen einer nicht weggeräumten Socke völlig eskaliert.“ Diesen Satz höre ich in meiner Praxis sehr häufig, wenn Paare oder Einzelpersonen deprimiert auf meiner Couch sitzen. Viele Menschen kommen mit der Erwartung zu mir, dass wir in der Therapie nun lernen, wie man den Alltag fehlerfrei organisiert, um solche Konflikte zu vermeiden. Sie schämen sich oft dafür, dass banale Alltagssituationen ausreichen, um das gemeinsame Fundament ins Wanken zu bringen. Doch die Realität in der psychologischen Arbeit zeigt: Es geht fast nie um die Socke.

Das, was unsichtbar bleibt

Wenn wir unter Strom stehen, im Job gefordert sind und der Alltag uns müde macht, schrumpft unser Einfühlungsvermögen. In solchen sensiblen Phasen treffen uns die vermeintlichen Fehler des Partners besonders tief. Unser Gehirn schaltet dann schnell in einen Verteidigungsmodus.

Hinter dem lautstarken Streit über den Haushalt oder den vergessenen Einkauf steckt meist eine viel tiefere, unbewusste Dynamik. Es ist die unausgesprochene Sehnsucht nach Bestätigung, Gesehenwerden und emotionaler Sicherheit. Die liegengebliebene Socke wird dann unbewusst übersetzt mit: „Ich bin dir nicht wichtig genug“ oder „Du respektierst meine Arbeit im Haushalt nicht“. Weil es uns aber unglaublich schwerfällt, uns so verletzlich zu zeigen und diese Sehnsucht offen auszusprechen, streiten wir stattdessen lieber stundenlang über die Socke.

Bewusstwerden

In der Therapie geht es im ersten Schritt genau um dieses Bewusstwerden. Wir reißen die Fassade des perfekten Scheins ein und schauen ganz wertfrei hin, was unter der Oberfläche liegt.

Sobald Klienten verstehen, aus welchen Mustern und alten Verletzungen heraus sie reagieren, verändert sich die Dynamik im Raum. Es ist ein befreiender Moment, wenn Paare erkennen, dass der andere nicht aus böser Absicht handelt, sondern oft aus der eigenen Überforderung heraus. Wichtig ist auch hier die Unterscheidung: Konflikte müssen in einer Sitzung – und auch im Leben – nicht immer sofort gelöst werden. Manchmal reicht es vollkommen aus, die verletzten Gefühle des anderen erst einmal nur anzuerkennen, ohne in die Verteidigung zu gehen.

Tipps aus der Praxis für den Alltag

Die Erkenntnisse aus der Therapie lassen sich auch ohne Praxisbesuch in kleinen Schritten im eigenen Alltag nutzen, um festgefahrene Muster aufzubrechen:

  • Die „Socken-Frage“ stellen: Wenn Sie merken, dass Sie wegen einer Kleinigkeit wütend werden, halten Sie kurz inne. Fragen Sie sich: Bin ich gerade wirklich wegen dieser Sache wispernd wütend, oder fehlt mir eigentlich Zuwendung und Entlastung?
  • Wünsche statt Vorwürfe formulieren: Ein Satz wie „Ich brauche heute Abend mal deine Unterstützung, weil ich erschöpft bin“ ist entlastender und führt eher zum Ziel als ein angreifendes „Nie hilfst du mir“.
  • Die Dynamik unterbrechen: Wenn ein Streit eskaliert, nehmen Sie sich eine bewusste Auszeit. Gehen Sie kurz auf Distanz, um durchzuatmen, anstatt das Gespräch im roten Drehzahlbereich fortzuführen.
  • Weniger Ideal, mehr Wirklichkeit: Akzeptieren Sie, dass auch in einer gesunden Partnerschaft unperfekte, laute Phasen dazugehören. Eine gute Beziehung zeichnet sich nicht durch die Abwesenheit von Konflikten aus, sondern durch die Art, wie wir danach wieder aufeinander zugehen.

Vielleicht gelingt es uns, im Alltag mutiger hinter unsere eigenen Kulissen zu blicken – anstatt einem fehlerfreien Ideal hinterherzujagen.

Carmen

Das Märchen vom allwissenden Therapeuten

Was ich als Therapeutin tue, wenn ich mal nicht weiterweiß

Manchmal gibt es in Erstgesprächen diesen einen Moment, in dem mir Klienten ihr Herz ausschütten, mich mit großen, erwartungsvollen Augen ansehen und leise fragen: „Frau Rella, was soll ich nur tun? Was ist die Lösung?“

In diesen Augenblicken spüre ich ganz deutlich, welche Erwartung oft an uns Psychotherapeutinnen herangetragen wird: Wir sollen die Experten sein. Diejenigen, die das Leben durchschaut haben, die auf jede Frage sofort die passende Antwort aus der Schublade ziehen und einen perfekten Masterplan für das Seelenheil parat haben.

Ich möchte heute ein kleines Geheimnis aus meinem Praxisalltag mit euch teilen: Gute Therapie entsteht nicht dadurch, dass ich immer sofort die Antwort weiß.

Im Gegenteil. Es gibt Momente in meiner Arbeit, in denen auch ich erst einmal da sitze und spüre: Ich weiß es gerade nicht. Der Knoten ist extrem verstrickt. Und das fühlt sich ungemütlich an.

Lange Zeit galt in der Psychotherapie das Bild des unnahbaren Experten, der hinter dem Klienten sitzt, alles analysiert und am Ende die Diagnose verkündet. Doch dieses Gefälle schadet oft mehr, als es nützt.

Wer zu mir in die Praxis kommt, bringt meist schon jahrelangen Druck mit. Viele haben unzählige Ratgeber gelesen, Tipps von Freunden befolgt und versucht, ihr Leben mit dem Verstand zu „reparieren“. Wenn ich mich dann als diejenige aufspielen würde, die alles besser weiß, würde ich genau diesen Druck nur verstärken.

Ich verstehe mich nicht als Besserwisserin, sondern als Prozessbegleiterin auf Augenhöhe. Du bist die Experten für dein Leben. Ich bin die Expertin für den geschützten Rahmen und die Methoden, die uns helfen, die Antworten in dir wieder freizulegen.

Warum das Innehalten so wertvoll ist

Was passiert also, wenn eine Situation im Therapieraum extrem komplex ist und wir scheinbar auf der Stelle treten?

Früher – ganz zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn – hat mich das manchmal nervös gemacht. Heute weiß ich: Genau in diesem Innehalten liegt oft die größte Magie.

Wenn wir im Alltag nicht weiterwissen, geraten wir in Hektik. Wir wollen das Problem sofort lösen, greifen nach schnellen Ratschlägen oder verfallen in Aktionismus. In der Therapie machen wir genau das Gegenteil. Wir halten an.

Wenn ich spüre, dass wir feststecken, mache ich genau das transparent. Ich sage zum Beispiel: „Lassen Sie uns kurz durchatmen. Ich merke, wie komplex das ist, und ich habe gerade auch noch keine fertige Lösung. Lassen Sie uns das einfach mal gemeinsam aushalten und hinschauen.“

In diesem Moment passiert etwas Entscheidendes:

Der Druck fällt ab: Der Klient spürt, dass er nicht sofort „geliefert“ haben muss.

Es entsteht Raum für den Körper: Statt krampfhaft nach Antworten zu denken, fangen wir an zu spüren. Was macht die Unsicherheit mit dem Atem? Wo im Körper sitzt diese Ratlosigkeit?

Das Unbewusste übernimmt: Oft sind es genau diese Phasen des Nicht-Wissens, in denen plötzlich tiefere Einsichten, innere Bilder oder unerwartete Aha-Momente an die Oberfläche steigen.

Zusammen suchen statt alleine kämpfen

Echte Heilung und Veränderung entstehen nicht durch vorschnelle Ratschläge von außen. Sie entstehen, wenn wir gemeinsam den Mut haben, in das Dunkle und Ungewisse zu schauen, ohne sofort eine Antwort haben zu müssen.

Wenn du also das nächste Mal das Gefühl hast, in deinem Leben absolut nicht weiterzuwissen: Versuche nicht, das Problem sofort mit dem Kopf zu zerschlagen. Erlaube dir für einen kurzen Moment das Nicht-Wissen.

Du musst nicht auf alles eine Antwort haben. Und du musst den Weg nicht alleine finden. Manchmal reicht es schon, jemanden an der Seite zu haben, der die Ungewissheit mit dir aushält, bis sich der Nebel von ganz alleine lichtet.

Carmen